Introvertierte, Schüchterne und Hochsensible haben es in Asien gut. Denn anders als im Westen gilt Zurückhaltung als besonders erfolgversprechend.

 

Warum in Asien die Introvertierten einen so guten Ruf haben

 

In diesen Tagen freue ich mich darüber, dass mein Verlag mein Buch Leise gewinnt nach Taiwan und Südkorea verkauft hat. Dass ausgerechnet zwei asiatische Länder als Erste die Übersetzungsrechte für ein Buch über introvertierte Menschen kaufen, passt ins Bild: Leises Verhalten und Kommunizieren genießt in den asiatischen Ländern hohen Respekt.

 

Gut für alle Introvertierten: Der Respekt vor dem Stillen

Das hohe Ansehen der Leisen ist in der asiatischen Kultur verwurzelt. Zwar macht sich auch im Fernen Osten das Laute, Grelle breit. Traditionell genießt aber eine Philosophie des Stillen und Stetigen einen  hohen Stellenwert. Freier Raum und Ruhe werden als rar und kostbar empfunden. Besonders augenfällig spiegelt sich dies in der asiatischen Gartenkultur wider. In der Mode sind die strengen Schnitte eines Yamamoto ein Beispiel für Reduktion und Minimalismus. In der inneren Haltung gelten Konzentration, Hingabe, Entschlossenheit und Achtsamkeit als Ideal.

 

Leise gewinnt: Den Blick für die leisen Stärken schärfen

Anders als die westlichen Länder ist das moderne Asien somit nicht vom extravertierten Ideal dominiert. Im Gegenteil: Bei uns unterschätzte introvertierte Eigenschaften wie Besonnenheit und Bescheidenheit erweisen sich in den Tiger-Staaten als Erfolgsrezepte. Einiges davon könnte ein Vorbild für uns sein – und ein Anlass, leise Verhaltensweisen unter neuem Vorzeichen zu betrachten.

 

Leise Stärke 1: Raum lassen

Welche Art des Auftretens bringt am meisten Freunde ein? Es hängt davon ab, wo man lebt. In Mitteleuropa kommen Extros, in Asien Intros messbar besser an. Der Unterschied beginnt bereits in der Grundschule. So zeigt eine Vergleichsstudie der Forscher Xinyin Chen und Kenneth H. Rubin: In Kanada werden stille Kinder von den anderen schnell links liegen gelassen – ein Erlebnis, das auch bei uns fast alle Intros kennen. In China sind die leiseren Kinder dagegen bevorzugte Spielkameraden und auch als „Anführer“ mehr gefragt als lautere Kinder. Das liegt daran, dass chinesische Eltern sachte, empfindsame Kinder bestärken. Sie gelten als dongshi – achtsam. Lautes, lebhaftes Verhalten wird dagegen als buyaolian kritisiert: ohne Rücksicht für andere.

 

Leise Stärke 2: In die Tiefe gehen

Die konfuzianische Lehre hält Ausdauer und Beharrlichkeit für wichtige Erfolgsfaktoren. Dementsprechend viele Schulstunden absolvieren Schüler in Hongkong, Japan und Südkorea. Dementsprechend deutlich besser als deutsche Jugendliche schneiden sie beim Vergleich der internationalen Schulleistungen ab. Der entscheidende Erfolgsverstärker: Arbeitseifer. Bei Introvertierten in Ost und West ist der Hang zum Tiefer-Schürfen bereits in der DNA angelegt: Zu den leisen Stärken gehört es, sich ins Thema zu knien und nicht nur an der Oberfläche zu kratzen. In den asiatischen Ländern findet so viel Disziplin Anerkennung, bei uns wird sie fälschlicherweise als Strebertum und mangelnde Kreativität abgetan.

 

Leise Stärke 3: Gefühle beherrschen

Egal, ob Intro oder Extro: In den asiatischen Ländern kommuniziert man Gefühle möglichst wenig nach außen. Es gilt als höflich, gelassen zu bleiben und Gestik und Mimik zu beherrschen. Amerikanischen und mitteleuropäischen Extros ist diese introvertierte Art der Gefühlskontrolle eher fremd und fast schon verdächtig. Wieder zeigen uns Japaner, Koreaner und Chinesen introvertiertes Verhalten in neuem, positivem Licht: Wer Wut, Missfallen oder Aufregung für sich behält, ist nicht verschlossen. Er nimmt sich zurück, um sein Gegenüber nicht zu belasten.

Leopardenformel

Quelle: 1890 | Das Kundenmagazin der Allianz 2/2015

 

Leise Stärke 4: Gesicht geben

Sein Gesicht wahrt jeder gern. Auch bei uns. Wir tun das in der Regel, indem wir selbstbewusst und machtbewusst kommunizieren. In konfuzianisch geprägten Gesellschaften kommt es aber nicht nur drauf an, das eigene Gesicht zu schützen. Jeder ist auch dafür verantwortlich, Gesicht zu geben: also so zu kommunizieren, dass nichts den Gesprächspartner in Verlegenheit bringt. Dazu gehört es zum Beispiel, Kritik indirekt zu formulieren, Absagen schonend zu verpacken und Unstimmigkeiten taktvoll zu übergehen.

„Kaolü kaolü“ sagen die Chinesen, wenn es heikel wird. Das bedeutet: „Ich muss darüber nachdenken.“ Dieses Verhalten hat viel mit Takt und nichts mit mangelnder Durchsetzungskraft zu tun. Introvertierte in Ost wie West praktizieren gesichtswahrendes Verhalten intuitiv: Es gehört zu ihren natürlichen Stärken, erst zu denken und dann zu reden.

 

Leise Stärke 5: Bescheiden bleiben

Mitteleuropäer sind geworden, was Amerikaner schon immer waren: Meister der Selbstdarstellung. In Asien dagegen wird Demut groß geschrieben – auch im Management. Nach buddhistischem Verständnis wohnt dieser bei uns verkannten Eigenschaft eine Geisteshaltung inne, von der der Westen nur lernen kann: frei zu sein vom Gefühl der eigenen Wichtigkeit.

„Demut besteht nicht darin, dass wir uns für minderwertig halten, sondern darin, dass wir vom Gefühl unserer eigenen Wichtigkeit frei sind. Dies ist ein Zustand der natürlichen Einfachheit, der im Einklang mit unserer wahren Natur ist.“

Matthieu Ricard

Daraus erwächst ein leiser Managementstil, der von Selbsterkenntnis, Wertschätzung und dem Willen getragen ist, aus Fehlern zu lernen. (Lesen Sie dazu: Willing to Grow: Leader Humility in Asia). Frei zu sein vom Gefühl der eigenen Wichtigkeit, bescheiden aufzutreten trotz aller Erfolge – das zeichnet Intros vor Extros aus.

 

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